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Bin ich ein(e) Demokrat(in)?

40. Samstaggespräch (nur für Mitglieder)

Prof. Dr. Wolfgang Benz

Totalitäre Herrschaften wie das NS-Regimes neigen dazu, die Komplexität der Welt zu vereinfachen und in Gegensätze aufzuspalten: Gut – Böse, Richtig – Falsch, Opfer – Täter, Wir – die Anderen. Das Fremde wird abgelehnt, sogar als Gefahr für das Eigene gesehen und bekämpft. Feinde werden imaginiert. Sie schaffen Identität über die Ausgrenzung des Andersartigen.

Eine Demokratie dagegen erhebt den Anspruch, Fremdes zu integrieren, Individualität zu fördern, Vielfalt zu tolerieren, Freund – Feind – Aufspaltungen zu überwinden. Aber läuft sie nicht, provozierend gefragt, Gefahr, durch die Trennung: „Wir Demokraten“ – „Ihr Nicht-Demokraten“ (Demagogen, Populisten, usw.) die Freund – Feind – Aufspaltung durch die Hintertür einzuführen? Was bedeutet „Integration“ in einer Demokratie? Wie stark gefährden in Wirklichkeit Demagogen und Populisten, wie wir sie heute in der AfD und Pegida erleben, die echte Demokratie?

Die Frage nach der Demokratie stand im Mittelpunkt dieser Veranstaltung. In seinem einführenden Referat ging Prof. Benz auf die psychologische Funktion und Wirkung von Vorurteilen und Ressentiments. Die allgemeine Diskussion berücksichtigte drei Ebenen: die politische, die gesellschaftliche und die individuell-psychologische.

Was bedeutet es, ein Demokrat zu sein? Diese Frage führte, unter anderem, zu einer intensiven Diskussion über die Wiedervereinigung und der Ost-/West-Erfahrungen; dabei lag ein Focus auf die Projektionsneigung bei großen geschichtlichen Umstellungen, die jeden von uns betrifft. Die Komplexität der ganzen Thematik konnte herausausgearbeitet werden. Schließlich stellten sich den Teilnehmern im Laufe der Diskussion mehr neue Fragen, als dass sie Antworten auf die Frage nach der Demokratie gefunden hätten.