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Die Nazizeit als negatives Eigentum

Vom angemessenen Umgang mit der Vergangenheit

Hannes Heer (Historiker)

Millionen Deutsche haben den Sieg der NSDAP 1933 ermöglicht und Abermillionen waren an den folgenden Verbrechen in abgestufter Verantwortlichkeit beteiligt. Die psycho-politischen Folgen dieser unausgesprochenen Kollektivschuld sind bis heute als generationell übergreifendes Schuldgefühl wirksam. Um sich daraus zu befreien, reicht die kognitive Konfrontation mit den geschichtlichen Fakten nicht aus: In einem Prozess der emotionalen Klärung ist es notwendig, die Nazizeit auch als Familiengeschichte zu akzeptieren. Und so wichtig es ist, die Schicksale der Opfer zu kennen: Sie haben es verdient, in symbolischen Akten heimgeholt zu werden in den gesellschaftlichen Raum, aus dem sie einst vertrieben wurden. Nur in dieser doppelten Bewegung wird es möglich sein, „die Nazizeit als unser negatives Eigentum“ (Jean Améry) endlich anzunehmen.

Zur Person:

Hannes Heer lebt als Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher in Hamburg. Seit den 60er-Jahren ist er als konsequenter und politisch hoch engagierter Gesellschaftskritiker bekannt. Wegen seiner Aktivität im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) erhielt er keine Zulassung als Referendar zum Schuldienst.
Nach Lehr- und Forschungsaufträgen an der Universität Bremen war Hannes Heer von 1980 bis 1985 Dramaturg und Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und an den Städtischen Bühnen Köln. 1985 bis 1992 war er als Dokumentarfilmer für ARD und ZDF tätig.
1993 bis 2000 war Hannes Heer wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojekts „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. 1997 wurde ihm die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen.

Das Besondere an Hannes Heers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist sein Eintauchen in den Mikrokosmos der jeweils konkreten und persönlichen Verwicklungen in die Verbrechen. Dabei stellt er die Lebenswege von Opfern, Tätern und Profiteuren gegenüber. In seinem aktuellen Ausstellungsprojekt „Verstummte Stimmen“ thematisiert er in beeindruckender Weise die Vertreibung der Juden aus der Oper im Dritten Reich.

Die wichtigsten Veröffentlichungen:

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt: Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945, Berlin 2008

Hannes Heer: „Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin 2005

Hannes Heer: Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei, Berlin 2004

Hg. Hannes Heer, Walter Manoschek, Alexander Pollak, Ruth Wodak: Wie Geschichte gemacht wird. Zur Konstruktion von Erinnerungen an Wehrmacht und Zweiten Weltkrieg, Wien 2003

Hg. Hannes Heer: Tote Zonen: Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront, Hamburg 1999

Hg. Hannes Heer: Im Herzen der Finsternis. Victor Klemperer als Chronist der NS-Zeit, Berlin 1997

Hg. Hannes Heer, Klaus Naumann: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1997

Hg. Hamburger Institut für Sozialforschung: Katalog zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, Hamburg 1996. Leitung Hannes Heer