43. Samstagsgespräch – 25 Jahre PAKH – Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs

Ein Forum für Dialogarbeit zwischen den Nachkommen der
Überlebenden und der Täter/Mittäter

Die Gründungsidee des PAKH fokussierte in erster Linie die unter Einbeziehung der persönlichen Familiengeschichte selbstreflexiven und dialogischen Aspekte der Auseinandersetzung mit den transgenerationellen Folgen der Verfolgung im Nationalsozialismus. Auf der Grundlage der Erkenntnisse dieser PAKH-internen Arbeit sollte in die Gesellschaft hineingewirkt werden. Dabei hatten die Gründungsmitglieder weniger das konkrete tagespolitische Handeln im Auge als vielmehr die allmähliche Überwindung des damals noch herrschenden Schweigens und der „Sprachlosigkeit“ durch öffentliche Aufklärung. Sie gingen von dem psychoanalytischen Grundgedanken aus, dass das Bewusstmachen und Durcharbeiten unbewusster unerledigter seelischer Inhalte und Konflikte – was sie damals in Bezug auf den Holocaust die „transgenerationelle Weitergabe“ nannten – sowohl für das Individuum wie auch für die Gesellschaft befreiende und heilsame Wirkung haben kann. So wollten sie mit den Mitteln der psychoanalytisch orientierten Aufklärungsarbeit dem Wiederaufleben von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenwirken.

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Stellungnahme des PAKH zum Anschlag in Hanau am 19.02.2020

Wir trauern um die Opfer des menschenverachtenden Anschlags am 19. Februar in Hanau und fühlen mit den Angehörigen der Ermordeten und den Verletzten. Wir sagen NEIN zu Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus und fühlen uns solidarisch mit allen Menschen, die dies mit uns teilen und sich den Werten der Offenheit, Toleranz und Humanität verpflichtet fühlen.

Stellungnahme des PAKH zum Anschlag auf die Synagoge in Halle am 09.10.2019

Wir verurteilen den antisemitischen Anschlag in Halle an der Saale am 9.10.2019, bei dem zwei Menschen erschossen wurden. Antisemitismus ist nicht nur ein Angriff gegen Juden, sondern auch gegen die Menschlichkeit und damit gegen das Fundament, auf dem unsere Gemeinschaft ruht. Wir rufen alle Menschen auf, dem Antisemitismus und jeder Form von Diskriminierung eine klare Absage zu erteilen.

Der Vorstand

42. Samstagsgespräch mit Dr. Beate Müller – Kriegskinder, Generation und Gemeinschaft

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von der ‚Kriegsgeneration‘ oder der ‚Generation der Kriegskinder‘ sprechen? Wer das Wort ‚Generation‘ benutzt, um Menschen vergleichbaren Alters zu einer Gruppe zusammenzufassen, deren Identität angeblich auf gemeinsamen Erfahrungen beruht, stellt dieses Gemeinschaftliche in den Vordergrund, oft mit politischen Absichten. So reden wir von ‚der Generation der Hitlerjugend‘ und fassen damit Millionen junger Menschen zu einer Gruppe zusammen.

Doch wo bleibt bei diesen imaginierten Kollektiven der einzelne Mensch mit seinen ganz individuellen Erfahrungen und Erinnerungen? Wie empfindet der Einzelne den Rückblick auf die eigene Geschichte, wenn deren Versatzstücke womöglich wenig oder gar nicht zu den verallgemeinernden Erzählungen des angeblich oder tatsächlich ‚Typischen‘ oder faktisch Richtigen passen wollen?

Welche Konsequenzen hat es für die Identität und die soziale Integration des Einzelnen, wenn die eigenen Erinnerungen an Kriegstage oder deren innerfamiliäre Tradierung nicht in den Rahmen der vorherrschenden öffentlichen Erinnerungsdiskurse passt? Und welche Folgen hat es umgekehrt, wenn der Einzelne seine eigene Geschichte als tausendfach geteilt sieht und sich daher vielleicht als Teil einer generationell definierten Schicksalsgemeinschaft empfindet?

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„Nie wieder Krieg!“ – Schulaufsätze der 50er Jahre über den Krieg

Vortrag mit Dr. Beate Müller

In Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Mit der Wende haben sich Kriegs’kinder‘ vermehrt öffentlich über ihre Erlebnisse im Dritten Reich geäußert, die auch heute noch vielen Zeitzeugen unvergesslich sind. Wie aber dachte die junge Generation der Ära Adenauer über die damals noch so nahe Zeit des Hitlerregimes, der Besatzungszeit und der Gründungsphase der alten Bundesrepublik, die sie miterlebt hatten? Tausende von Schulaufsätzen des Hagener Roeßler Archivs zeigen, dass diese jüngsten Kriegskinder sich als Generation erfanden, um ihre Identität in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zu bestimmen. Die oft traumatischen Erfahrungen der 40er Jahre werden vielfach als Erfolgsgeschichte erzählt, um sie in die eigene Lebensgeschichte integrieren zu können. Die vorherrschenden Themen und Diskurse nehmen Kerngedanken vorweg, die Jahrzehnte bundesdeutsche ‚Vergangenheits-bewältigung‘ prägen sollten.

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Peter Pogany-Wnendt: Der Wert der Menschlichkeit

Psychologische Perspektiven für eine Humanisierung der Gesellschaft 

Was geschieht, wenn Liebe und Menschlichkeit verloren gehen? Wie hängen Menschlichkeit und Täterschaft zusammen? 

Peter Pogany-Wnendt entwickelt das Konzept einer Psychologie der Menschlichkeit, das auf Liebe als Antriebskraft menschlichen Strebens beruht. Anhand des Milgram-Experiments und des Holocausts zeigt er, wie Feindseligkeit und menschliche Destruktivität entstehen und dass der Verlust von Liebe und Menschlichkeit Individuen zu TäterInnen macht. Pogany-Wnendt hebt die zentrale Bedeutung der Liebe und den Wert der Menschlichkeit für das Überleben der Menschen hervor, denn nur durch sie ist die Bildung und Bewahrung einer humanen Gesellschaft möglich. 

Peter Pogany-Wnendt, Dr. med., ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie in eigener Praxis in Köln. Er ist erster Vorsitzender des Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust (ehem. PAKH e.V.).
>> www.psychosozial-verlag.de

„Holocaust und Intergenerationalität – Dialog zwischen Opfer- und Täternachkommen“

Eine Veranstaltung mit Peter Pogany-Wnendt und Erda Siebert vom Arbeitskreis für Intergenerationelle Folgen des Holocaust, ehem. PAKH e.V.

Während der Nationalsozialismus inzwischen relativ gut erforscht ist, herrscht bezüglich der eigenen Familiengeschichte zwischen den Jahren 1933 und 1945 oft große Unwissenheit. Der Zugang zur Vergangenheit und insbesondere zur Shoah bleibt, außer unter den Opfern, meistens abstrakt und wird selten persönlich. Das kollektive Schweigen über die eigenen Verstrickungen, möglicherweise die eigene Täterschaft in jenen Jahren, setzt sich so bis heute fort. Aber auch das Schweigen derer, deren Leid zu furchtbar war, um es noch aussprechen zu können, und auch das Verschweigen jener, die in der Familie als Nestbeschmutzer*innen galten.

Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte im Nationalsozialismus wird – noch heute – häufig von inneren wie innerfamiliären Konflikten begleitet. Doch nicht nur die Integration der oft starken und widersprüchlichen Gefühle und die familiären Konflikte gestalten sich schwierig, sondern auch die Auseinandersetzung zwischen Täter- und Opfernachkommen. Peter Pogany-Wnendt und  Erda Siebert beschreiben den persönlichen Transformationsprozess in ihrem Dialog als Nachkommen von Überlebenden und Tätern.

Diese Veranstaltung fand am 19. Juni 2019 statt.

„Antisemitismus ist Alltag“

Angriffe auf den Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Köln

Mit Trauer und Entsetzen haben wir im Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust, ehem. PAKH e.V. zur Kenntnis genommen, dass der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Köln, Rabbi Yechiel Brukner, zum Opfer antisemitischer Verunglimpfungen in Kölns Stadtbahnen geworden ist („Antisemitismus ist Alltag“, Kölnische Rundschau, 2./3. April 2019). Antisemitismus, sowie jede andere Form von Diskriminierung von Menschen, darf nicht zum Alltag werden. Wenn eine Kippa zu tragen gefährlich wird, dann ist dies unter anderem ein alarmierendes Zeichen dafür, dass totgeglaubte Dämonen wieder auferstehen. Sie gefährden die humanen Werte, auf denen unsere demokratische Gesellschaft gründet. Jede Form menschlicher Gemeinschaft beruht auf der solidarischen und hilfsbereiten Haltung ihrer Mitglieder untereinander. Auch diejenigen, die Rabbi Brukner beleidigt haben, sind auf die Hilfsbereitschaft anderer angewiesen.

Angriffe auf alle, die als „anders“ wahrgenommen werden, sind bereits eine besorgniserregende Realität in Deutschland und ihre Zahl hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Es beginnt mit Gewalt in der Sprache, geht in körperliche Gewalt über und endet in menschlichen Katastrophen. Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht allein Angriffe auf Juden und Jüdinnen, auf Menschen anderer Religionen und Hautfarbe oder auf Fremde, sondern vor allem Angriffe auf die Menschlichkeit, auf die Achtung vor dem Leben und die Würde eines jeden Menschen. Das Fundament unserer Gesellschaft wird dadurch angegriffen. Daher sind wir tief besorgt darüber, mit welcher Schnelligkeit sich rassistisches, fremdenfeindliches und gewalttätiges Denken, Sprechen und Handeln in unserer Gesellschaft wieder ausbreitet.

Wir als PAKH wissen durch langjährige Arbeit im Zusammenhang mit den transgenerationellen Folgen des Holocaust, dass Rassismus verheerende Folgen nicht nur in den Seelen der Beteiligten – Opfer und Täter – hinterlässt, sondern auch in deren Nachkommen. Rassismus führt zur Entsolidarisierung und zur Entmenschlichung innerhalb der Gesellschaft – mit destruktiven Folgen.

Wir fühlen uns solidarisch mit Rabbi Yechiel Brukner sowie mit all den anderen, die zu Opfern diskriminierender Angriffe werden, und sagen NEIN zu jeder Form von Diskriminierung. Wir setzen uns ein für ein tolerantes Miteinander und für den respektvollen Dialog zwischen den Einzelnen und den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft und fordern unsere Kölner Mitbürger auf, sich dem toleranten Dialog anzuschließen.

Der Vorstand des PAKH

Wir über uns – 42. Samstagsgespräch in Köln

Von der Reflexion zum Handeln

Sinnvolles Handeln entwickelt sich aus der Reflexion und dem Verstehen heraus. Wir alle sind sehr über die aktuelle gesellschaftlich-politische Entwicklung, insbesondere über die weltweite Zunahme von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus besorgt – Themen, die polarisieren und unsere Gesellschaft spalten. Die sehr lebhafte Diskussionen im PAKH im Anschluss an den „Bürgerdialog“ der AfD in Köln und in der Gruppe „Aktuelles“ zeugen von dieser Besorgnis. Sie haben gezeigt, dass es hier Gesprächsbedarf gibt. Viele Mitglieder haben in diesen Gesprächen den Wunsch geäußert, zu diskutieren wie wir als PAKH handeln können. Diese Anregung möchte der Vorstand beim diesjährigen „Wir über uns“ aufgreifen.

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Angela Moré: Zum psychoanalytischen Verständnis transgenerationaler Übertragungen

Erschienen in:
Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 169:2018(8), 232-240

This article first describes the background that led to comprehensive knowledge and systematic exploration of transgenerational transmission, in particular in the fields of psychoanalytic practice and theory formation. At the same time as knowledge was gained from the therapeutic work ­conducted with descendants of Shoah survivors, our understanding about the transgenerational transmission of attachment patterns improved within attachment theory.

This article also discusses different theoretical concepts of traumas that partially emerged from psychoanalytic work with descendants of Shoah survivors, and then focuses on the specific mechanisms and content of the trauma transmission and its consequences. Psychic processes such as scenic transmission, re-enactive transfer and projective identification will be discussed, and then specific aspects of relationships in perpetrators’ families and their transgenerational entanglements will be considered. In conclusion, the generalisability of these findings will be discussed.

Angela Moré ist Mitglied des Arbeitskreises für Intergenerationelle Folgen des Holocaust — PAKH. Sie  ist Sozialpsychologin und Gruppenanalytikerin.
>> Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy