Die Vergangenheit in mir 

Meine Familie und die Schatten des Nationalsozialismus

von PAKH-Mitglied Andreas Bönte
Herder, 2026

Während eines durch Angststörungen bedingten Klinikaufenthalts gewinnt der Journalist Andreas Bönte erste erschreckende Einblicke in die eigene Familiengeschichte. Weitere Nachforschungen ergeben: Sein Großvater, der sich im Dezember 1944 das Leben genommen hatte, war in führender Position in der SA aktiv gewesen und hatte am 9. November 1938, der »Reichskristallnacht«, einen Schlägertrupp angeführt. Seine Mutter war begeistertes Mitglied des BDM, fand ihren Vater erschossen im Elternhaus. Aufgrund der Traumata und der Scham wird die NS-Vergangenheit der Familie jahrzehntelang totgeschwiegen. In seinem Buch erzählt Andreas Bönte von seiner Recherche, die ihn mit der Nazivergangenheit der eigenen Familie konfrontiert, seinem Eintauchen in eine Welt des Verdrängten und der Übertragung der Traumata auf ihn. Erfahrungen, die viele aus der Boomergeneration mit ihm teilen. Mit zahlreichen Bilddokumenten aus dem Archiv des Autors.

History that hurts

Academics confronting their family histories: methodological and ethical inquiries

PAKH-Mitglied Natali Stegman und PAKH-Vorständin Alexandra Senfft in:
Zeitgeschichte online, 7. August 2026

„In a recent interview, Götz Aly points out that German historians, writing about the Nazi period, generally “do not have families” while Jewish colleagues have.[i] German historians, if dealing with the Nazi past, prefer to wrap their family histories in silence, apprehensive as they may be about publicly revealing them. The workshop History that hurts. Academics confronting their family histories: methodological and ethical inquiries (held on 25-26 September 2025 in Regensburg), was intended as a modest step towards addressing this common reticence, bringing together historians and anthropologists who have begun to explore their ancestors’ histories.[ii] All participants belong to the third generation that grew up with troubled and tainted family histories. Even though transmitted one way or another, past experiences often remain hidden and obscured…“

>> weiterlesen Zeitgeschichte online, 7. August 2026

Als die Angst kam, wusste er noch nichts von seiner Familiengeschichte

Andreas Bönte erkrankt an einer Angststörung. Erst als er die Nazi-Vergangenheit seines Großvaters erforscht, versteht er, was mit ihm los ist.

PAKH-Mitglied Andreas Bönte in: DIE ZEIT, 1. August 2026

„Als die Angst kam, war Andreas Bönte Mitte 30. Gerade hatte er noch als Journalist erfolgreich vor Kameras gestanden, nun litt er unter Schlaflosigkeit, Zwangsgedanken und ständiger Unruhe. Es folgten Panikattacken. Erst nach Monaten in einer Klinik ging es Bönte besser. Während einer Familienfeier sprach er mit seinem Onkel darüber. »Du weißt schon, dass deine Mutter so eine Therapie nie machen würde«, habe der gesagt, »denn dann müsste sie über den Selbstmord unseres Vaters sprechen.«
Der heute 67-Jährige erfuhr damals nicht nur, dass sein Großvater sich das Leben genommen hatte. Sondern auch, dass er an einem der schwersten Verbrechen des Nationalsozialismus, den Pogromen im November 1938, beteiligt gewesen war. Jahre später begann Bönte, sich mit seiner Familiengeschichte und den Folgen der autoritären NS-Ideologie auseinanderzusetzen – und erkannte, wie sehr beides sein Leben beeinflusst hat. Heute sagt er, die Recherche zu seinem Großvater, aus der auch sein Buch Die Vergangenheit in mir entstand, habe ihm geholfen, mit seiner psychischen Erkrankung umzugehen.

Was Bönte erlebt hat, nennen Fachleute transgenerationales Trauma. Die Folgen einschneidender Erlebnisse im Leben von Müttern, Vätern und Großeltern können sich auf ihre Kinder und Enkel übertragen. Herausgefunden hat man das ausgerechnet durch die Opfer von Männern wie Böntes Großvater. Die Kinder von Holocaust-Überlebenden zeigten in Studien auch Jahrzehnte später noch Symptome posttraumatischer Belastungsstörungen – obwohl sie erst nach 1945 zur Welt gekommen waren…“

Andreas Böntes Buch Die Vergangenheit in mir erscheint am 17. August 2026 im Herder Verlag.

>> zum gesamten Beitrag (DIE ZEIT, 1. August 2026, paywall)

NSDAP-Akten online: Wandel der Erinnerungskultur?

PAKH-Mitglied Maite Billerbeck in: Podcast.de Juni 2026

Die Debatte mit Lukasz Tomaszewski, Andrea Genest und Maite
Billerbeck „Die Jugendlichen einbeziehen mit Emotionen.“ (Maite
Billerbeck) Das US-Nationalarchiv hat Millionen von
Mitgliederkarteien der NSDAP ins Internet gestellt, für alle frei
zugänglich. Mehrere deutsche Wochen- und Online-Magazine haben aus
diesem Datenwust ein digitales Tool gebaut. Seitdem recherchieren
Millionen Deutsche, ob die eigenen Familienangehören in Hitlers
Partei waren. Verändert das Recherchetool unsere Erinnerungskultur?

>> zum Beitrag

My Nazi grandfather sent Tomi Reichental to Bergen-Belsen death camp 

Despite all the suffering he endured, the Holocaust survivor chose compassion over hate

Nachruf von Alexandra Senfft, PAKH-Vorstand und Co-Sprecherin, für den Holocaust-Überlebenden Tomi Reichental in der Irish Times, 2. Juni 2026

I was deeply anxious during the train journey from Vienna to Bratislava, the Slovak capital, in 2014. Holocaust survivor Tomi Reichental was expecting me there, together with Gerry Gregg’s film crew. They were shooting the documentary Close to Evil. 

Tomi was born in Czechoslovakia but moved to Ireland in 1959. He had been a young boy when he and his family were deported by the Nazis to the Bergen-Belsen concentration camp in Germany in 1944. Tomi survived, but 35 of his relatives were murdered in the Holocaust; his grandmother died before his eyes in the camp.

My grandfather, however, was Hanns E Ludin, the “envoy of the Third Reich to Slovakia”, and it was he who signed the deportation orders. Ludin was convicted as a war criminal and executed in Bratislava in 1947.

Tomi’s and my family histories were thus tragically intertwined.

>> weiterlesen, Irish Times, 1.6.2026

Foto: Tomi Reichental mit Alexandra Senfft und ihrer Tochter Magdalena bei den Dreharbeiten für Close to Evil, Bratislava 2014

Wer in der NSDAP-Mitgliederkartei seinen Opi findet, kann die Wahrheit trotzdem leugnen

Seit der Online-Öffnung der NSDAP-Mitgliedskartei suchen viele Deutsche dort nach ihren Vorfahren. Doch was kann die Privat-Recherche in Zeiten der AfD bewirken? „Wie hätte ich mich damals verhalten?“ ist jedenfalls die falsche Frage

von PAKH-Vorstand Alexandra Senfft
der Freitag, 30. Mai 2026
>> zum Beitrag in Freitag, 30.5.26

[Auszug]
„Der „Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust“

Die intergenerationalen Folgen oder das, was psychologisch als „Gefühlserbschaften“ bezeichnet wird, sind bis heute wirkmächtig, auch wenn die Täter:innen nicht mehr leben. Schuld-, Scham- oder Hassgefühle, Ängste und unbewusste Aufträge sind äußerst lebendig. In den einen nähren sie das Bedürfnis nach Aufklärung und politischer Verantwortung. In den anderen wecken sie die Lust, zu reinszenieren, was nie bearbeitet wurde, und führen zu politischer Verantwortungslosigkeit, zum Angriff auf die Demokratie und Menschenrechte. Tatsächlich ist die Geschichte noch immer so „heiß“, dass Verdrängen und Verleugnen die Aufklärung weiter behindern. „Warum in der Vergangenheit wühlen, die ist doch längst vorbei?“, heißt es lapidar. Der Scherge des Feudalherrn war schon immer schön weit weg.

Der „Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust“, 1995 für Nachkommen der Opfer und Täter gegründet, wächst seit dem Ukraine-Krieg und der Corona-Pandemie schneller denn je. Es gibt eben auch das drängende Bedürfnis, die eigene Geschichte vor dem Hintergrund der Gegenwart zu verstehen. Dass das NS-Gedankengut in Form rechtsradikaler, autoritärer Bewegungen eine bedrohliche Renaissance erlebt, treibt diesen Trend bei einer Minderheit an. Wer sich kognitiv und emotional mit den psychologischen Folgen der NS-Zeit und deren Wirkung auf das eigene Leben, die Gesellschaft und die Politik konfrontiert, ist vor innerfamiliären oder sozialen Konsequenzen weiter nicht gefeit. Bequem ist an einer authentischen Auseinandersetzung jedenfalls wirklich nichts. Schon gar nicht sind es Dialoge über den Abgrund der Geschichte hinweg, sie kosten Mut und Anstrengung. Aktuelle Auslöser, selbst scheinbar triviale, können zwischen Nachkommen von Verfolgten und Verfolgern unversehens zu Spannungen, explosiven Situationen und Beziehungsabbrüchen führen…

Das Lügen hat ein Ende

Mehr als zehn Millionen Menschen waren einst in der Hitler-Partei, die meisten verschwiegen es ihr Leben lang. Jetzt ist die Mitgliederkartei online, und mit ein paar Klicks sind Opa oder Oma entlarvt. Was macht das neue Wissen mit dem Land?

PAKH-Co-Sprecherin Alexandra Senfft, PAKH-Mitglieder Andreas Bönte, Andrea Budde und der Kinofilm „Das Ungesagte“ von PAKH-Mitglied Lothar Herzog in: der Spiegel, Nr. 12. 15. Mai 2026

»Viele auch der Urenkel merken, dass in ihrer familiären Biografie etwas nicht stimmt«, sagt Alexandra Senfft vom Arbeitskreis fürIntergenerationelle Folgen des Holocaust, einem Dialogverein für Nachkommen von NS-Tätern und Opfern. »Sie suchen Aufklärung.« Der Arbeitskreis zähle inzwischen mehr als 200 Mitglieder. Häufiger Grund für die Kontaktaufnahme: Sie seien »über die politischen Verhältnisse sehr beunruhigt«.

>> gehe zu Der Spiegel Nr. 21. 15. Mai 2026