Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham

Von traumatischer Erstarrung zum empathischen Dialog
von den PAKH-Mitgliedern
Peter Pogany-Wnendt, Beata Hammerich, Elke Horn, Johannes Pfäfflin & Erda Siebert

Trotz der Komplexität und Schwere transgenerationeller Traumata nach Genozid und Massengewalt gibt es Wege, darüber in Austausch zu treten. Für den schwierigen und schmerzhaften Prozess bedarf es eines langjährigen und empathischen Dialogs mit der Gegenseite des posttraumatischen Erbes. Dabei greifen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und individuelle Selbstreflexion einerseits und die parallelen Auseinandersetzungen in der Gruppe andererseits fruchtbar ineinander.
Durch autobiografische Erzählungen, psychoanalytische Interpretation und Konzepte der Gruppenanalyse vermitteln die Autor*innen ein tiefgreifendes Verständnis für die Komplexität des Anliegens. Betroffene transgenerationeller Massengewalterfahrungen wie dem Holocaust und Krieg können aus diesen Ausführungen Mut schöpfen, sich dieser Aufgabe zu stellen.

erscheint am 1. Oktober 2024
im Psychosozial-Verlag

Buchreihe: Forum Psychosozial
ca. 260 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
ISBN-13: 978-3-8379-3382-6
Bestell-Nr.: 3382

Zerrbilder

ZerrbilderVerlust, Verleugnung, Verschweigen
Reflexionen über die Mechanismen familiärer Erinnerungen – ein Prozess

Alexandra Senfft, 2. PAKH-Vorsitzende in:
Gross, Ulrich, Schuck (Hg.) Zerrbilder. Zum Wirken und Fortwirken nationalsozialistischer Mentalität
Ch. Links, Aufbau Verlage, Berlin
Mai 2024

Eine Festschrift für Werner Konitzer

Der Nationalsozialismus produzierte Zerrbilder, die bis heute nachwirken. Die historische Auseinandersetzung mit ihnen ist keineswegs abgeschlossen, wie die Beiträge dieses Bandes zu Ehren des Philosophen Werner Konitzer eindrucksvoll belegen. Die Autorinnen und Autoren folgen ihm, der sich um die Erforschung der nationalsozialistischen Morallehren und Sittlichkeitsvorstellungen verdient gemacht hat, in dem Versuch, die Untiefen der NS-Geschichte auszuloten und deren Folgen zu begreifen.

Mit Beiträgen von Johanna Bach, Fritz Backhaus, Jonas Balzer, Philipp Batthyány, Martin Bauer, Andrea Büttner, Emmanuel Faye, Lena Foljanty, Raphael Gross, Wolfgang Kraushaar, Kathrin Meß, David Palme, Herlinde Pauer-Studer, Monika Schmidt, Dirk Schuck, Alexandra Senfft, Bernd Ulrich, Michael Wildt und Rolf Zimmermann

https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/zerrbilder/978-3-96289-211-1

Essay von PAKH-Mitglied Prof. Dr. Jochen Bonz

„The years after 1933 constituted a period of learning how to sort and divide.“ Ein Versuch über nationalsozialistische Täterschaft

Jochen Bonz
„The years after 1933 constituted a period of learning how to sort and divide.“ – Ein Versuch über nationalsozialistische Täterschaft, in: 
Anna Jank-Humann, Reinhold Popp (Hrsg.)
Kultur, Psyche und Desaster
Beiträge aus Europäischer Ethnologie, Psychotherapiewissenschaft, Katastrophenforschung
und Frisistik, Festschrift für Bernd Rieken
Waxmann Verlag, Band 42, Münster 2024, 604 Seiten
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PAKH-Mitglied Oliver Sears in The Irish Times

I think of the hostages and their tortured families and weep for the broken generations in Gaza. Whatever injustice, historic and current, that successive Israeli governments have served to the Palestinians, there is no resonance with the Holocaust

The Irish Times, 6. Mai 2024

I was invited to join PAKH, the study group for intergenerational consequences of the Holocaust, last September. Comprising the descendants of victims and perpetrators, we meet to discuss our impossibly complex family stories.

Recently, online, we listened to Israeli Rami Elhanan and Palestinian Bassam Aramin explain how they work together to promote peace. The subjects of Colum McCann’s 2020 novel, Apeirogon, these heroic men each lost a daughter in the decades-long conflict. Their determination to focus on the importance of respecting the rights of the individual, their lack of self pity and how they have come to rely on each other, emotionally, is humbling to observe.

Both men possess the insight of inherited trauma, along with their own piercing personal loss. Bassam’s stems from the displacement of his people, Rami’s mother was, as he says laconically, a graduate of Auschwitz. They both agree that the absence of Palestinian self-determination was the reason they lost their children and that Israeli society entire needs a total reset. It’s clear to them that both Hamas in Gaza and the settlers who have taken over the Israeli cabinet are a disaster for both peoples…

These two remarkably dignified, emotionally literate men are the embodiment of Viktor Frankl’s maxim that to understand your own pain you must first help someone else understand theirs; and that when pain has meaning, it is no longer pain. Bassam says they are not friends but are brothers. They show us what is required to break the cycle of hatred. Rami was clear that it’s not necessary for Palestinians and Israelis to love each other but respect is the key.

As I think of the hostages and their tortured families and weep for the broken generations in Gaza, I accept with an open heart that, among my fellow PAKH members, I have come to love and embrace children and grandchildren of monsters. And this, in the Ashkenazi tradition of trying to repair the world, headache by headache. On Yom HaShoah, I sense this is the furthest point from despair that a heart like mine can travel within the boundaries of this difficult inheritance.

Oliver Sears is founder of Holocaust Awareness Ireland


Großonkel Pauls Geigenbogen

Das berührende Memoir einer preußischen Sinti-Familie

Vorankündigung: Das neue Buch von Alexandra Senfft, 2. Vorsitzende des PAKH

Seit mehr als 600 Jahren leben Sinti in Deutschland, Roma seit 200 Jahren. Ihre Kultur reicht viele Jahrhunderte zurück und ist tief mit der deutschen Historie verwoben. Anfangs noch als Handwerker, Künstler und Kaufleute hochgeachtet, wurden sie schon bald systematisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt. Bis heute halten sich diskriminierende Stereotype und starke Vorurteile gegenüber der größten Minderheit Europas. Der preußische Sinto Romeo Franz kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte von Sinti und Roma. In »Großonkel Pauls Geigenbogen« erzählt er seine beeindruckende deutsche Familiengeschichte. Wohl situiert, waren seine Ahnen bereits im 17. Jahrhundert ansässig in Preußen, Schlesien und Pommern und prägten dort die kulturelle und kaufmännische Welt. Mitreißend erzählt Franz die Chronik seiner Familie vom 19. Jahrhundert bis heute. Schillernde Charaktere und außergewöhnliche Schicksale treten ans Licht – aber auch die Erinnerungen an Ausgrenzung, Abwertung im Kaiserreich und schließlich die Vernichtung durch die Nazis.

Mit großem Stolz gibt er tiefe Einblicke in seine Herkunft und beleuchtet nicht nur die Bedeutung von Musik, Familie und Zusammenhalt, sondern auch die Folgen der fortgesetzten Verfolgung, die bis in die heutigen Generationen nachwirken. Romeo Franz‘ Geschichte ist ein bewegendes Plädoyer gegen Antiziganismus und eine Einladung zur Auseinandersetzung und zum Umdenken hin zu etwas ganz Selbstverständlichem: Gleichberechtigung.

Goldmann – Randomhouse/Penguin, 20. März 2024
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Deutsche Familiengeschichten und die Ukraine

Der koloniale Blick auf das östliche Europa ist historisch gewachsen
Ein Beitrag unseres Mitglieds Dr. Johannes Spohr, in:
Zeitgeschichte online, 16. November 2022

Erst seit der im Februar 2022 erfolgten großflächigen Ausweitung des Angriffskriegs, den Russland seit acht Jahren gegen die Ukraine führt, hat das Land einen Platz auf der Mental Map vieler Menschen in Deutschland erhalten. Was vorher allenthalben als Teil einer vermeintlich weit entfernten, als fremd erscheinenden Welt, bestenfalls als ein unter Russland subsumiertes »Niemandsland« bzw. Reservoir billiger Arbeitskräfte – dem Klischee nach vor allem Sexarbeiterinnen, Leihmütter und LKW-Fahrer – galt, rückte ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Durch das Organisieren von Hilfstransporten, die Ankunft von Evakuierten und Geflüchteten sowie über die tägliche Berichterstattung bemerkten viele nun, dass die bisherige Distanz eher ein Ausdruck von Desinteresse als in der geografischen Lage begründet war: die Ukraine liegt nur einige wenige Autostunden von Deutschland entfernt. Darauf, dass auch der Blick in deutsche Familiengeschichten Bezüge zur Ukraine liefern könnte, wiesen Demonstrierende aus der ukrainischen Diaspora einen Tag nach Beginn der russischen Großinvasion auf einer Demonstration in Berlin hin: »Hast du vergessen, wo die Ukraine liegt? Frag deinen Opa«, war dort auf einem Schild zu lesen […]
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Angela Moré

Splitting in Individuals, Families and Groups as a Result of Transgenerational Legacies of Trauma and Guilt
The Journal of Psychohistory 50 (2) Fall 2022, S. 123-136
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ABSTRACT: Splitting is one of the most elementary defense mechanisms of the human psyche. This mechanism kicks in when the psychological processing possibilities threaten to collapse due to excessive demands. That is why this mechanism occurs in early childhood as well as during severe stress such as trauma. As Lifton’s work showed, this defense process is also activated in connection with the performance of cruelty and murderous acts. It then regularly combines with other defense mechanisms such as projective identification, denial, displacement, or identification with the aggressor.


The text first describes the different mechanisms of trauma transmission. It then illustrates the psychological consequences of splitting processes and of transgenerationally inherited traumas and feelings of guilt using the example of the descendants of Holocaust survivors and Nazi perpetrators.

KEYWORDS: Transgenerational trauma transmission; Holocaust; Trauma; Guilt feelings; Shame; Defense mechanisms; Second generation; Third generation

Angela Moré

Transgenerational Transmissions and Second Generations‘ Dialogue on Apartheid and the Holocaust
The Journal of Psychohistory 49 (3) Winter 2022, 221-229
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Book Review Essay on Pumla Gobodo-Madikizela, Ed. (2021). History, Trauma and Shame. Engaging the Past through Second Generations Dialogue. London, New York: Routledge.

Dialog statt Trauma

Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen, Marta Press 2021

Um traumatische Erfahrungen zu bearbeiten, besonders wenn sie durch Gewalt verursacht wurden, ist Dialog notwendig. Dieser Dialog benötigt Räume: in der Familie, in der Schule, im Kontext der Arbeit und in weiteren Bereichen der Gesellschaft. Einander wirklich zuhören, mit Unerwartetem rechnen, offene Fragen stellen, auch an sich selbst – da gibt es in unserer Gesellschaft noch viel Luft nach oben. Die Traumaforscher:innen Ingeborg Müller-Hohagen und Dr. Jürgen Müller-Hohagen beleuchten diese Themen aus der Perspektive von Psychotherapie, Schule und Erinnerungsarbeit. Hier haben sie über Jahrzehnte viele Erfahrungen gemacht, die sie nun reflektieren und mit den Leserinnen und Lesern teilen möchten.
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