Trauma, Schuld, Scham und Verständigung

Aufarbeitung von Wehrmachtsverbrechen in der Bretagne

Nach 85 Jahren sprachen Nachkommen von Opfern und Tätern im Juli 2025 gemeinsam über Traumata, Schuld, Scham und Aussöhnung. Fast hundert Interessierte kamen in Bremen zu der gemeinsamen Veranstaltung der St. Rembertigemeinde, des Bremer Institut Français und des PAKH e. V. unter dem Titel: „Juni 1940 – Wehrmachtsverbrechen in der Bretagne“. Aus Frankreich waren Françoise und Yvonne Kérandel angereist,  Enkeltöchter von Jean-Marie Kérandel, einem damals 57-jährigen Bauern und Vater von acht Kindern, der im Juni 1940 von einer Wehrmachtseinheit ermordet worden war. Außerdem nahm der Lokalhistoriker Gildas Saouzanet teil. Saouzanet hat dieses Verbrechen, an dem der Vater von unserem PAKH-Mitglied Christoph Sodemann beteiligt war, detailliert recherchiert. Ein sehr bewegender Abend für alle Beteiligten. Ein ausführlicher Bericht findet sich in der Sommerausgabe der Bremer Kirchenzeitung.

Foto: Françoise Kérandel (v. l.), Lokalhistoriker Gildas Saouzanet, Yvonne Kérandel, Christoph Sodemann und Psychoanalytiker Peter Pogany-Wnendt in der St. Remberti-Gemeinde Bremen c/o Bremer Kirchenzeitung

Foto: PAKH-Vorstand Peter Pogany-Wnendt und PAKH-Mitglied Christoph Sodemann

Erforschung der NS-Vergangenheit: Die Entlastung des eigenen Opas

80 Jahre nach der Kapitulation häufen sich Texte von Enkel*innen, die ihren NS-Hintergrund recherchiert haben. Was ist dran an der Kritik, es handle sich bei dieser Ahnenforschung nur um „einen frischen Zweig deutscher Identitätskultur“?,
PAKH-Vorständin Alexandra Senfft in: der Freitag, 15. Juni 2025

„Wie hätte ich mich damals verhalten?“ – diese Frage galt lange als akademisch. Angesichts der breiten Zustimmung zur AfD ist sie jedoch brandaktuell: „Wie muss ich mich heute verhalten?“ 80 Jahre nach Kriegsende suchen Kinder, Enkel und Urenkel nach Erklärungen in der eigenen Familie: Welche Rolle haben ihre Angehörigen in der NS-Zeit gespielt? Gibt es gute oder schlechte Vorbilder in der eigenen Geschichte? Wie reagiert man adäquat, wenn im eigenen Umfeld menschenverachtende Bemerkungen fallen?

Die Eltern und Großeltern haben wenig gesagt, mit ihrem mitunter beredten Schweigen jedoch einen unausgesprochenen Auftrag an ihre Kinder erteilt: Die einen erfüllen ihn, indem sie sich an rechtem Gedankengut ergötzen und gewalttätig werden. Die anderen wollen stattdessen von innen heraus erkunden, wie Faschismus sich in die Seelen brennt. Die Corona-Zeit war nicht nur eine Brutstätte von Viren, sondern auch von Verschwörungstheorien und Umsturzfantasien. Für andere war das keine Option, sondern eine gute Gelegenheit, endlich im Familiennachlass zu kramen und dem familiären Gedächtnis auf den Grund zu gehen. Oft fanden sie Fotos, Dokumente, Orden oder Devotionalien, die eine krass andere Geschichte erzählen als diejenige, die in der Familie kolportiert wurde.“

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PAKH in: Breaking the Silence

Looking back at World War II Family Histories
Surveys in recent history have shown that many Germans want to believe that their ancestors had nothing to do with the crimes committed by Nazi Germany. Members of the younger generation, though, now want to know for sure — also out of concern for Germany’s political future

By Susanne Beyer, Der Spiegel Geschichte 19/2025, May 3rd 2025

„Children, meanwhile, have an extremely intimate relationship with their parents, says the Cologne-based doctor and psychotherapist Peter Pogany-Wnendt, the descendant of Holocaust victims who is a member of the board at the Working Group for Intergenerational Consequences of the Holocaust. First and foremost, he says, because children are existentially reliant on their parents during the first years of their lives. „The close bonds remain even if they don’t get along well” – which means, he says, that the stories told by parents are often not questioned.“

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The Holocaust and inherited memory

How we remember in the 21st century
By PAKH-member Oliver Sears (Holocaust Awareness Ireland)

Oliver Sears explores Holocaust memorialisation through the prism of his own remarkable and tragic family history. How best, he asks, do we honour and preserve history, in the 21st century?

Yom HaShoah, which fell on 23 April this year, was the first official Holocaust Memorial day, established in Israel in 1951 to commemorate the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. It took another 54 years before the UN designated 27 January International Holocaust Memorial Day.

With extraordinary courage and, knowing that they could not possibly win, a group of young, poorly armed ghetto fighters defied the might of the SS for a month, stemming the continuous deportation of Jews from the ghetto to Treblinka, a death camp north of Warsaw where some 900,000 Jews were murdered in 18 months, gassed within 90 minutes of arrival. 90 per cent of the Warsaw ghetto was deported to Treblinka, where there were no more than 60 survivors. While their resistance was futile, the ghetto fighters bought the 55,000 remaining ghetto residents an extra month of life, a month which offered them their last winking ember of hope before the ghetto was finally liquidated and they, too, were deported to their deaths.

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Das größte niederländische Kriegsarchiv wird online frei zugänglisch – dies ist auch für Deutschland interessant

von PAKH-Mitglied Rinke Smedinga, in:
Reflections, Family History Affected by Nazi Crimes, 23.01.2025

Seit dem 2. Januar 2025 macht das Nationaal Archief in Den Haag sein größtes und am meisten konsultiertes Archiv der Öffentlichkeit zugänglich: das Zentralarchiv für besondere Gerichtsverfahren (CABR). Der Start wurde verschoben, aber die Ambitionen sind unverändert. Auch für Deutschland ist das CABR von Bedeutung.

„Das Archiv besteht aus vier Kilometern Akten über die mehr als 400.000 niederländischen Bürger, die verdächtigt wurden, während des Zweiten Weltkriegs freiwillig mit den deutschen Besatzern kollaboriert zu haben. Sie machten 5 Prozent der damals 9 Millionen Einwohner der Niederlande aus und wurden beispielsweise des Hochverrats, der Einberufung in die deutsche Armee, der Mitwirkung an der deutschen Propaganda, der Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Bewegung (NSB), der Pflege intimer Beziehungen zu deutschen Soldaten oder der wirtschaftlichen Bereicherung durch die Besatzung verdächtigt. Sie wurden als Verräter oder Kollaborateure bezeichnet. Nach der Befreiung wurden sie vielfach verhaftet und interniert. Das galt auch für meinen Vater und meinen Großvater…“

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Von nichts gewusst? Spuren der NS-Geschichte in unseren Familien

PAKH-Vorständin Alexandra Senfft in der ARD alpha Sendung vom 24. November 2024

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben viele Familien die eigene NS-Vergangenheit verdrängt oder geschönt dargestellt. Geschichten von Widerstand und Heldentaten überlagern oft die unliebsamen Wahrheiten. Auch in Familien der Opfer wurde häufig geschwiegen. Zu groß der Schmerz, zu tief die Wunden. Aber das Schweigen hat Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen. Welche Auswirkungen sind das? Darum soll es in den diesjährigen „Gesprächen gegen das Vergessen“ gehen. Moderator Andreas Bönte lädt die Nachfahren von Holocaustüberlebenden, Rachel Salamander und Michael Wolffsohn, sowie die Nachfahrin eines NS-Kriegsverbrechers, Alexandra Senfft, zum Gespräch ins Münchner Volkstheater ein. Wie haben sie jeweils die Aufarbeitung in ihren Familien erlebt? Die weiteren Gäste sind der 21-jährige Marco Artmann, der in seinem erfolgreichen Podcast „Opa lass reden“ gemeinsam mit seinem Großvater auf Spurensuche gegangen ist. Neben einer wissenschaftlichen Einbettung des Themas durch den Diplom-Psychologen Louis Lewitan werden Musikeinlagen des preisgekrönten Augsburger Violinisten Nico Franz sowie Filmbeiträge und Schülerauftritte die Theaterbühne zu einem Forum gegen das Vergessen machen.

Von links: Prof. Dr. Michael Wolffsohn und Dr. Rachel Salamander (beide Nachfahren von Holocaustüberlebenden), Andreas Bönte (Moderator), Marco Artmann (Podcast „Opa lass reden“), Alexandra Senfft (Nachfahrin eines NS-Kriegsverbrechers) und Louis Lewitan (Psychologe und Autor). Foto: Bayerischer Rundfunk

Gegen das Vergessen

Gefühlserbschaften aus der NS-Zeit – vom Monolog zum Dialog

Am 7. November 2024 nahmen die PAKH-Vorsitzenden Peter Pogany-Wnendt und Alexandra Senfft an Gesprächen „Gegen Vergessen“ in Borken (Westfalen) teil. Vor über 120 Zuhörerinnen und Zuhörern teilten die beiden ihre Erfahrungen in Form eines dialogischen Vortrags und diskutierten anschließend mit dem Publikum.
In Vorbereitung auf die Veranstaltung gab Alexandra Senfft der Borkener Zeitung ein Interview.

BZ: Inwieweit verdrängen Nachfahren die NSDAP- und/ oder SS-Vergangenheit ihres Vaters oder Großvaters beziehungsweise wollen diese nicht wahrhaben? Ist die AfD-Vorsitzende Alice Weidel mit ihrem Dementi glaubwürdig, von der Tätigkeit ihres Großvaters als Militärrichter während des Nazi-Regimes nichts gewusst zu haben?

Senfft: Die AfD hat die Verleugnung der NS-Vergangenheit in empörendem Maß auf die Spitze getrieben, ihre Lügen über die Verbrechen der Nazis sind infam. Aber ihre Haltung fällt ja bei vielen auf fruchtbaren Boden, weil es leider weit verbreitet ist, sich den NS-Tätern und -Täterinnen sowie Mitläufer- und Mitläuferinnen in der eigenen Familie nicht zu stellen. Die Täter werden dabei zu abstrakten Dritten, selten wird anerkannt, dass es Menschen au unserem engsten Umkreis waren. Doch wie konnte es dann überhaupt zu solchen Verbrechen kommen, wenn die Tatsache, dass die meisten Deutschen irgendwie daran beteiligt waren, verdrängt wird? Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass vielleicht sehr geliebte oder verehrte Angehörige Mittäter wurden. Doch ich halte es für einen notwendigen Schritt, sich damit auseinanderzusetzen, um nachhaltig aufzuklären. Dass die AfD an dieses Leugnen heute so erfolgreich anschließen und menschenfeindliche Parolen verbreiten kann, ist ein Hinweis darauf, dass diese Aufklärung innerhalb der eigenen Familie viel zu wenig stattgefunden hat.

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Alexandra Senfft mit Peter Pogany-Wnendt, Borken, 7.11.2024 Foto: Jean-Michel Simon

Neuerscheinung von PAKH-Autor:innen

Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham
Von traumatischer Erstarrung zum empathischen Dialog


Peter Pogany-Wnendt, Elke Horn, Beata Hammerich, Erda Siebert & Johannes Pfäfflin, mit einem Vorwort von Björn Krondorfer

Trotz der Komplexität und Schwere transgenerationeller Traumata nach Genozid und Massengewalt gibt es Wege, darüber in Austausch zu treten. Für den schwierigen und schmerzhaften Prozess bedarf es eines langjährigen und empathischen Dialogs mit der Gegenseite des posttraumatischen Erbes. Dabei greifen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und individuelle Selbstreflexion einerseits und die parallelen Auseinandersetzungen in der Gruppe andererseits fruchtbar ineinander.

Durch autobiografische Erzählungen, psychoanalytische Interpretation und Konzepte der Gruppenanalyse vermitteln die Autor*innen ein tiefgreifendes Verständnis für die Komplexität des Anliegens. Betroffene transgenerationeller Massengewalterfahrungen wie dem Holocaust und Krieg können aus diesen Ausführungen Mut schöpfen, sich dieser Aufgabe zu stellen.

>> zur Verlagsankündigung

Buchreihe: Forum Psychosozial
233 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
Erschienen: Oktober 2024
ISBN-13: 978-3-8379-3382-6
Bestell-Nr.: 3382

PAKH-Veranstaltung

Großonkel Pauls Geigenbogen
Die Familiengeschichte eines preußischen Sinto
Lesung mit Gespräch und Musik

Köln, Do. 21. Nov. 2024, 18:00 Uhr

Seit Jahrzehnten kämpft Romeo Franz für die Rechte von Sinti*zze und Rom*nja. Mit der Autorin Alexandra Senfft erzählt er eine akribisch recherchierte Chronik seiner preußischen Sinti-Familie vom 19. Jahrhundert bis heute. Außergewöhnliche Schicksale treten ans Licht – aber auch die Erinnerungen an Ausgrenzung, Abwertung im Kaiserreich und schließlich die Vernichtung durch die Nationalsozialisten.

Im Gespräch mit der Historikerin Dr. Karola Fings (Universität Heidelberg) stellen Romeo Franz und Alexandra Senfft (2. PAKH-Vorsitzende) die mitreißende Familiengeschichte vor, musikalisch begleitet von Sunny Franz (Geige) und Sascha Reinhardt (Gitarre).

In Kooperation mit dem Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust und dem Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. Das Projekt wird in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.

NS-Dokumentationszentrum
Appellhofplatz 23-25
50667 Köln
Preis: € 4,50 | ermäßigt: € 2,00

>> Rezension in den Blättern für deutsche und internationale Politik, August 2024