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Der Fremde in uns

Psychologische Entstehungsbedingungen von Hass und Gewalt

Prof. Arno Gruen

Arno Gruen wurde 1923 in Berlin geboren, emigrierte 1936 in die USA, wo er 1961 als Psychoanalytiker bei Theodor Reik promovierte. Er war als Professor und Therapeut an verschiedenen Universitäten und Kliniken tätig. Daneben führte er seit 1958 eine psychoanalytische Privatpraxis. Er lebt und praktiziert heute in der Schweiz. Buchveröffentlichen sind u.a.: “Der Verrat am Selbst” (1984), “Der Wahnsinn der Normalität”  (1987), “Falsche Götter” (1991), “Der Verlust des Mitgefühls” (1997), “Ein früher Abschied” (1999), “Der Fremde in uns” (2000), “Hass in der Seele” (2001), “Der Kampf um die Demokratie” (2002 ), “Verratene Liebe – Falsche Götter” (2003)

Hass und Gewalt haben nicht nur die Geschichte der Menschheit entscheidend geprägt, sondern sind auch im alltäglichen und gesellschaftlichen Leben stets gegenwärtig. Das “Dritte Reich” und der Holocaust sind nur ein Beispiel für das Unvorstellbare, das Wirklichkeit werden kann, wenn Hass und Gewalt ungehindert das politische und gesellschaftliche Handeln der Menschen bestimmen. Andere Beispiele lassen sich in der Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Tage leicht finden.
Täglich werden wir mit Hass und zerstörerischer Gewalt, die wir nicht begreifen können, konfrontiert. Gewalttätige Neonazis treten wehrlose Menschen zu Tode. Terroristen morden im Namen abstrakter Ideologien oder im Namen eines „heiligen Krieges“. Staaten beteiligen sich an kriegerischen Auseinandersetzungen unter dem Deckmantel von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden. Schulen beklagen eine alarmierende Zunahme der Gewaltbereitschaft schon bei Kindern und Jugendlichen. Junge Menschen laufen Amok und schießen auf ihre Lehrer und Mitschüler. Dies sind einige Beispiele von Äußerungsformen von ungesteuertem Hass und Gewalt, die uns im Alltag begegnen können. Wir sind dann fassungslos und fragen uns, wie so etwas sein kann.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat sich eingehend mit der Frage nach den psychologischen Ursachen und Entstehungsbedingungen von Hass und Gewalt beschäftigt. Sein Fazit ist, dass Hass und die Bereitschaft zur Gewalt schon sehr früh in der Kindheit entstehen, ausgelöst durch eine psychische Fehlentwicklung, bei der das Kind gezwungen wird, das eigene Selbst aufzugeben und zu etwas Fremden zu machen. Dieser Entfremdungsprozess vom Eigenen wird durch Zurückweisung und Unterdrückung der dem Kind eigenen Lebensäußerungen und durch den Zwang zum Gehorsam eingeleitet und aufrechterhalten. Das Kind muss fortan alles tun, um den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden. Die Folgen sind Selbsthass und der Verlust der ‚Menschlichkeit’. Ein auf solche Art geprägter Mensch „…orientiert sich nicht an eigenen inneren Prozessen, sondern am Willen einer Autorität.“ Er ist verführbar für die Zwecke einer Autorität, die unter dem Deckmantel von Liebe Hass und Gewalt aussät.Diesen Prozess des „Selbstverlustes“ als Voraussetzung für die Entstehung von Hass und Gewalt beschreibt Arno Gruen in seinem Buch „Der Fremde in uns“.