Es gehört mehr Mut zur Liebe als zum Hass
Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
27. Januar 2026
„Es gehört mehr Mut zur Liebe als zum Hass“. Dieser Satz aus der Berliner Ausstellung „An eine Zukunft glauben. Jüdische Biographien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945. Eine dokumentarische Annäherung“ stammt von Jeannette Wolff, jüdische Holocaust-Überlebende und Bundestagsabgeordnete der ersten Stunde.
Der Vorstand unseres Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust (ehem. PAKH, Psychotherapeutischer Arbeitskreis für Betroffene des Holocaust) war zur Ausstellungseröffnung am 27. Januar 2026, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Bundestag eingeladen, vertreten durch Peter Pogany-Wnendt.
Jeannette Wolffs Satz ist so bewegend wie aktuell. Der gesellschaftspolitische Diskurs in Deutschland wie auch das politische Handeln weltweit offenbaren einen wachsenden Mangel an Dialog, Mitgefühl und Respekt für die Würde des Menschen. Antisemitismus, Antiziganismus, Muslimfeindlichkeit und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit treten zunehmend offen und schamlos zutage. Wo bleibt in all dem der Mut zur Liebe?
Gerade das Gedenken an die Opfer der NS-Terrorherrschaft sollte uns mahnen, Menschlichkeit und Menschenrechte nicht nur zu beschwören, sondern zu leben. Ohne Liebe könne die Menschheit keinen einzigen Tag überleben, warnte der Psychoanalytiker Erich Fromm.

Bei der Ausstellungseröffnung kamen Politiker:innen ins Gespräch, deren jüdische Vorfahren während des Holocaust verfolgt und ermordet wurden: Karin Prien (Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, CDU), Gregor Gysi (MdB, Die Linke), Jerzy Montag (MdB a. D., Bündnis 90/Die Grünen) und Nina Ruge (Autorin und Journalistin). In ihren Familien wurde darüber geschwiegen, um die „tiefe Trauer zu vermeiden“ oder um als Jüdin oder Jude „nicht aufzufallen“. Doch die Kinder spürten, dass „irgendetwas in unserer Familie anders war“.
Dass Politiker:innen ihre Verletzungen und Familiengeschichten öffentlich machen, ist selten. Sie verzichteten auf ritualisierte Mahnformeln und zeigten sich mit biografischen Brüchen, Gefühlen und Ambivalenzen. Genau darin lag die besondere Kraft dieser Veranstaltung, sie wirkte authentisch, heilsam und ermutigend.
Aus unserer jahrzehntelangen PAKH-Dialogarbeit wissen wir: Gedenken kommt nicht ohne Gefühle aus. Gefühlserbschaften lassen sich weder durch Rituale unterdrücken noch durch Schweigen überwinden. Erinnerung ohne Bezug zur eigenen Familiengeschichte bleibt abstrakt. Wer die Auseinandersetzung mit der eigenen schmerzhaften Betroffenheit meidet – bewusst oder unbewusst –, trägt zum Vergessen bei. Unbearbeitete transgenerationelle Gefühle wirken jedoch fort, bei den Nachkommen der Verfolger ebenso wie bei denen der Verfolgten, und können ihre potenziell zerstörerische Wirkung jederzeit entfalten.
Das Bewusstsein für die eigene Familiengeschichte ist Voraussetzung gelingender Trauerarbeit. Deshalb wünschen wir uns, dass Politikschaffende bei künftigen Gedenktagen den Mut aufbringen, auch über die Täter und Täterinnen in den eigenen Familien zu sprechen. Wir wünschen uns zudem, dass politische Ansprachen – auch auf höchster Ebene, etwa durch den Bundespräsidenten – alle Verfolgtengruppen des NS-Regimes einbeziehen. Die Nachkommen aller Opfergruppen leiden bis heute unter den Folgen des NS-Terrors. Viele erleben aufs Neue Angst vor Ausgrenzung und Verfolgung. Aktuelle politische Entwicklungen, insbesondere in den USA, machen dies mehr als deutlich.
Die Shoah-Überlebende Tova Friedman, Hauptrednerin der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 28.1.26 , sagte: „Die Geschichte lehrt uns, dass Hass niemals auf ein einziges Volk beschränkt bleibt. Wenn Antisemitismus geduldet wird, werden die demokratischen Werte an sich geschwächt.“ Und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner erinnerte an Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Holocaust hat gezeigt, was geschieht, wenn Menschen ihre Würde abgesprochen wird. Die Nationalsozialisten erklärten Juden, Sinti und Roma, Slawen, Homosexuelle, Widerstandskämpfer, politisch Unliebsame, sogenannte „Asoziale“, psychisch Kranke und viele andere zu „Untermenschen“, verfolgten und ermordeten sie. Tod und Zerstörung waren ihr Leitmotiv. In ihrem Fanatismus verloren sie selbst jede Menschlichkeit.
Heute erleben wir abermals, wie Machtansprüche mit Gewalt und Lügen durchgesetzt, Menschenrechte missachtet und das Völkerrecht gebrochen werden. Auch in Deutschland erstarken Kräfte, die Demokratie, Menschlichkeit und Solidarität angreifen.
Lassen wir uns davon nicht entmutigen. Wer Hass verbreitet, hat die Liebesfähigkeit verloren. Im Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) setzen wir uns für einen mitfühlenden, vernunftgeleiteten und vertrauensvollen Dialog ein. Gedenken bedeutet für uns, nicht nur zu gedenken, sondern heute den Mut zur Liebe zu leben und uns aktiv für die Menschenrechte einzusetzen.
Der PAKH-Vorstand
Peter Pogany-Wnendt | Alexandra Senfft
Sybille Ellinger-Weber | Franziska Schulz |Ute Wnendt
29. Januar 2026
