Die Nazizeit als negatives Eigentum

Vom angemessenen Umgang mit der Vergangenheit

Hannes Heer (Historiker)

Millionen Deutsche haben den Sieg der NSDAP 1933 ermöglicht und Abermillionen waren an den folgenden Verbrechen in abgestufter Verantwortlichkeit beteiligt. Die psycho-politischen Folgen dieser unausgesprochenen Kollektivschuld sind bis heute als generationell übergreifendes Schuldgefühl wirksam. Um sich daraus zu befreien, reicht die kognitive Konfrontation mit den geschichtlichen Fakten nicht aus: In einem Prozess der emotionalen Klärung ist es notwendig, die Nazizeit auch als Familiengeschichte zu akzeptieren. Und so wichtig es ist, die Schicksale der Opfer zu kennen: Sie haben es verdient, in symbolischen Akten heimgeholt zu werden in den gesellschaftlichen Raum, aus dem sie einst vertrieben wurden. Nur in dieser doppelten Bewegung wird es möglich sein, „die Nazizeit als unser negatives Eigentum“ (Jean Améry) endlich anzunehmen.

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Kriegskinder – Kriegsenkel

Samstagsgespräch in Köln

Der Tag wurde eröffnet durch zwei kurze Einführungen und einige fotokopierte Informationen, die die Teilnehmer rational und emotional einstimmen sollten auf die Thematik.

Als Kriegskinder werden in der Forschung die Jahrgänge 1927-1947 angesehen, also auch die ersten Jahrgänge nach dem Krieg, die in ähnlicher Weise unter den Folgen des Krieges, der Bombardierung, der Flucht und den Verlusten gelitten haben. Kriegsenkel sind die Kinder dieser Kriegskinder. Aus gutem Grund befasst sich die Forschung mit den Auswirkungen des 2. Weltkrieges erst seit ca. 10 Jahren: es ist eine große Schwierigkeit, das Leid, die Traumata und Verluste der eigenen Familien zu betrauern angesichts der Tatsache, dass  die Eltern bzw. Großeltern dieser Generation Verursacher eines Genozids von ungeheurem Ausmaß gewesen ist. Gleichzeitig steht die Notwendigkeit für die Kriegskinder und Kriegsenkel im Raum, sich der Trauerarbeit um die eigenen Verluste zu stellen, um transgenerationelle Weitergaben zu unterbrechen und die bisher verdrängten Erfahrungen in die eigene Identität zu integrieren. Auch für den Austausch zwischen den jüdischen und  nicht jüdischen Teilnehmern ist diese Thematik wichtig, wenn auch nicht ohne Spannung.

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Beyond Reconciliation: Dealing with the Aftermath of Mass Trauma and Political Violence

Kongress in Kapstadt, Südafrika

Im. Dezember 2009 fand an der Universität Kapstadt, Südafrika, ein Kongress aus Anlass des „Internationalen Jahres der Versöhnung“ der Vereinten Nationen statt. Ziel dieser internationalen Tagung war es, die Menschen in den aktuellen und vormaligen Krisengebieten dieser Welt in den Fokus zu nehmen und Verständnismodelle zu entwickeln, unter welchen Voraussetzungen nach geschehenem und erlittenem maßlosen Unrecht und makro-traumatischem Erleben eine Wiederbelebung des Menschlichen und eine Versöhnung gelingen können. .Dies bezieht – in einem ganzheitlichen Ansatz – Opfer und Täter gleichermaßen mit ein.

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Empathie und Destruktivität

Veranstaltung zur Vortragsvorbereitung für den Kongress „Beyond Reconciliation“ vom  2. bis 6. Dezember 2009 in Kapstadt

Im Mittelpunkt der Diskussion unseres Samstagsgesprächs standen die beiden inzwischen fast fertig vorbereiteten Vorträge: zum einen über die Folgen des Holocaust in einer Überlebenden-Familie (über drei Generationen) und zum andern in einer Täterfamilie (zweite Generation).

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Trauma Transmission and Pathways Toward Healing for the Second Generation of Holocaust Families

Breaking Silences or Finding One’s Own Holocaust Story

Eva Metzger Brown, Ph.D., ABPP
AUTHOR AND CLINICAL PSYCHOLOGIST
Child Survivor Of The Holocaust

Dr. Brown absolvierte ihren PhD in klinischer Psychologie an der Columbia University. Sie arbeitete zunächst als Research Associate am Austen Riggs Center in Stockbridge, MA und ließ sich dann in privater Praxis in Amherst, MA nieder. In der 80ern gründete und leitete sie das Projekt „Intergenerational Healing in Holocaust Families“ an der University of MA. Sie war auch Mitglied des ersten Scheidungs-Mediations-Teams in MA.
Trotz ihres Ruhestands berät Dr. Brown weiter im Bereich Überwindung des Schweigens in Holocaust Familien. Sie unterstützt intergenerationelle Gruppen bei den jährlichen Treffen der World Federation of Jewish Child Survivors Of The Holocaust (WFJCSH) und spricht in Schulen, Universitäten und Synagogen. In ihren Schriften versucht sie, ihr Verständnis von Psychotherapie zu vermitteln mit dem Ziel, ein größeres Verständnis für die Bedeutung von Holocaust-Schweigen, Behandlung und intergenerationellen Aspekten zu erreichen und diese auch auf andere traumatisierte Gruppen zu übertragen.
Dr. Brown lebt in Amherst, Massachusetts, mit ihrem Ehemann Dr. Norman Brown, der bei Treffen von WFJCSH Gruppen für Ehepartner von Überlebenden unterstützt hat. Sie haben drei Kinder und sieben Enkel.

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Wir über uns: Strukturtag

Ein persönliches Gespräch unter Vereinsmitgliedern über Motive und Ziele der Vereinsarbeit

Das Samstagsgespräch Wir über uns: Strukturtag diente der „Standortbestimmung“ für jedes Mitglied und für den Verein als Ganzes. Da die Strukturen des Vereins sich nach den Inhalten der Arbeit richten sollten, ging es bei der Diskussion um die kritische Überprüfung der Inhalte und der Ziele der Arbeit im PAKH. Es wurden Erfahrungen, Kritik, Wünsche und Ideen für die zukünftige Arbeit ausgetauscht. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, welche Strukturen notwendig sind, damit der zukünftige Dialog sich weiter konstruktiv und lebendig entfalten kann. Es wurde überlegt, wie Misstrauen überwunden und weitere Offenheit geschaffen werden kann.

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Unsere Stunde Null

Gottfried Wagner berichtet über seinen Post-Shoah-Dialog mit Abraham Peck

mit Auszügen und Videoeinblendungen aus der Oper „Lost Childhood“
Musik: Janice Hamer; Libretto: Mary Azrael
historischer und musikdramatischer Berater: Gottfried Wagner

Vortrag im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf
Einführung in den Vortrag von Ralph Giordano

Gottfried Wagner, Musikhistoriker und Regisseur stellte das Buch “Unsere Stunde Null. Deutsche und Juden nach 1945. Familiengeschichte, Holocaust und Neubeginn. Historische Memoiren” vor, das er gemeinsam mit Abraham Peck verfasst hat. Gottfried Wagner, geb. 1947 in Bayreuth, ein Urenkel Richard Wagners, stammt aus einer der berühmtesten und einflussreichsten  Familie Deutschlands, die tief in Hitlers Wirken und Wollen verstrickt war. Abraham Peck ist Sohn von Holocaust-Überlebenden. Er wurde im Lager für Displaced Persons in Landsberg geboren. Seine Familie wurde von den Nazis fast vollständig ausgelöscht.

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Alexandra Senfft: Schweigen tut weh

Eine deutsche Familiengeschichte

Einige Jahre nach dem tragischen Tod ihrer Mutter lässt Alexandra Senfft die Vergangenheit ihrer Familie lebendig werden. Ihr Großvater Hanns Ludin war ein hochrangiger Nationalsozialist, der am Galgen starb. Es sind die starken Frauen, die in dieser Familie das Gespinst der Verdrängung gewoben haben. Und es sind die starken Frauen, die es zerreißen: die Mutter durch ihr unverstandenes Leid, die Tochter mit diesem ergreifenden Buch, in dem sie einfühlsam und mutig beschreibt, wie die unverarbeitete Vergangenheit ihre Familie belastet.

Der SA-Mann Hanns Ludin war Hitlers Gesandter in der Slowakei und in dieser Position verantwortlich für Judendeportationen. 1947 wurde er als Kriegs-verbrecher hingerichtet. Über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg streiten seine Nachkommen bis heute und fühlen sich hin- und hergerissen zwischen Schuld und Loyalität. Einfühlsam und mutig beschreibt Alexandra Senfft, wie die geliebte Großmutter die Legende vom »guten Nazi« kultiviert hat und ihre Kinder und Enkel seine wahre Rolle verdrängt haben. Im Mittelpunkt ihres Buches steht das Leben ihrer Mutter, einer außergewöhnlichen Frau des linken Hamburger Nachkriegs-Establishments, die vordergründig an Depression und Sucht zerbricht, tatsächlich aber an der Unfähigkeit, um den Vater zu trauern. Darüber hinaus erzählt die Autorin von ihrem eigenen Leben und der schwierigen Liebe zu ihrer Mutter, die sie erst nach deren qualvollem Tod wirklich verstanden hat.

Für ‚Schweigen tut weh‘ wurde Alexandra Senfft mit dem Deutschen Biographiepreis 2008 ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises für Intergenerationelle Folgen des Holcaust, ehem. PAKH
Ullstein Buchverlage

The Third Reich in the Unconscious

From Trauma to transgenerational Transmission

Prof. Vamik D. Volkan
Vortrag im Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf

Vamik D. Volkan, Professor Emeritus of Psychiatry, University of Virginia, ist für seine klinischen Untersuchungen und für die Entwicklung neuer psychoanalytischer Techniken bei Behandlungen von Borderline- und narzißtischen Störungen bekannt. Seit vielen Jahren widmet er  seine psychoanalytische Erfahrung und Kompetenz neben seiner klinischen Arbeit der Untersuchung ethnischer und internationaler Beziehungen und Konflikte. Herr Volkan wurde in Nord-Zypern geboren und dort als Angehöriger einer türkischen Minderheit aufgewachsen. Er lebt jetzt in den USA.

Diese Biographie prägte ihn und sensibilisierte ihn von früh an für das komplizierte Zusammenleben in und zwischen ethnischen Gruppen.
Er ist Gründer und Direktor des Zentrums für die Erforschung menschlicher Verhaltensweisen und Kommunikationsstrukturen an Fakultät der Universität von Virginia in Charlottesville. Er berät das Generalsekreteriat der UN in politisch relevanten Fragestellungen mit dem Ziel, den Friedensprozeß in der Welt zu fördern. Er war im Rahmen des Friedensprozeßes im Nahen Osten beratend tätig; insbesondere beriet er die israelische Regierung sowie Jassir Arafat und die PLO. Desweiteren war Prof. Volkan engagiert im Friedensprozeß zwischen Rußland und den baltischen Staaten; dies auf Einladung von M. Gorbatschow. Er erforscht die psychologisch-politischen Umstände im ehemaligen Ostblock, speziell z.B. in Rumänien, Ungarn und der Slowakei und er berät verschiedene internationale Organisationen in der sog. „Dritten Welt“. Gleichzeitig ist Herr Prof. Volkan ständiger Berater des ehemaligen US-Präsidenten J. Carter, der ebenfalls als Friedensvermittler in viele weltpolitische Auseinandersetzungen berufen war und ist.

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